Es klingt so, als hätten die Athener etwas Eigentümliches in ihrem Charakter, etwas, was sie von anderen Griechen irgendwie unterscheidet! Nachdem mittlerweile so viele Menschen aus allen Gegenden Griechenlands in die Hauptstadt gezogen sind, fragt sich freilich, ob man eine solche These aufrecht erhalten kann. Ich meine, Ja! Denn sie haben die tief gewurzelten Eigenheiten ihrer Landschaften nie völlig abgelegt. Die Manioten ihr Eigenbrödlertum, die Kreter ihre Holzköpfigkeit, die Insulaner im Ionischen Meer ihre Fröhlichkeit, die Lakaidemonier ihren Lakonismus. Und die Athener?
Ihre Disput-Freudigkeit, woraus im Altertum diese seltsame Staatsform, die man Demokratie nennt, entstand :-)
"Disput"
Man wird sie immer und überall beim inbrünstigen Argumentieren oder Lamentieren antreffen. Dabei fragt man sich, ob mehr mit dem Mund oder mehr mit den Händen geredet wird. Und letzteres ist sehr fein ausgebildet! Ich habe in einem Fremdenführer gelesen, daß, im Gegensatz zu Deutschland, wenn man hier mit dem Kopf nickt bedeutet es "nein", wohingegen mit dem Kopf seitlich schütteln "ja" entspricht. DAS IST FALSCH! Die Richtungen stimmen zwar, aber der Bewegungsablauf ist völlig verschieden: im Deutschen verläuft das "ja" mit Nicken von oben nach unten (also einholend), dagegen geht das hiesige "nein" vom Stand aus nach hinten (also abweisend, oft mit einem Zungen-Schnalzen wie etwa "tso" begleitet). Und das seitliche Schütteln ist im Deutschen nach beiden Seiten hin und her, wohingegen hier verläuft die Bewegung nur zu einer Seite (rechts oder links) und zurück durch einen leichten Bogen nach unten. Tja, beobachten muß man schon können!
Die Freiheitsliebe will ich keineswegs nur den Athenern anhängen, sie ist überall in Griechenland beheimatet! Aber hier hat sie u.a. eine besondere Form bei allen Dienstleistungs-Branchen angenommen. Man will eben in keinem Fall (nach 400 Jahren Sklaverei) wieder Untergebener sein! Deshalb wirst Du kein Glück haben, wenn Du Dich in einer Taverne als der "König Kunde" benimmst. Nicht der Kunde sondern der Gast ist hier König! Mit anderen Worten betrachte den Kellner als Deinen Berater und Gastgeber. Sofort wird er die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft in Person sein. Lass ihn ruhig Dein Essen zusammen stellen und Du wirst das Beste aus der Küche bekommen. Wenn Du freilich einen irakischen Kellner erwischt, kann ich keinen Rat geben, ich kenne die Gebräuche dort nicht :-) Ich bin jedenfalls mit einem in einer Taverne in Monastiraki sehr gut ausgekommen. Vermutlich weil der Irak auch so lange Jahre unterdrückt war!
"Eine Stoa"
Und nun kommen wir zu zwei weiteren wichtigen Sachen in Athen: die Strassennamen und die Stoa (zu deutsch: Säulengang, Arkade).
Leider gibt es in Athen mehrere Strassen desselben Namens und bei berühmten
Persönlichkeiten oder Ortschaften gleich zwanzig, dreißig oder vierzig! Also es hat keinen Zweck dem Taxi-Fahrer "Aristotelous Str." zu sagen, ohne gleichzeitig auch die Gegend in Athen zu nennen. Überhaupt, verlassen Sie sich nicht so sehr auf die
Strassenkenntnisse dieser Leute. Zum Zweiten, es gibt für dieselbe Strasse
verschiedene Namen! Um einige Beispiele zu nennen: Die Zentralstrasse "Penepistimiou" findet sich auf mancher Karte als "Eleftheriou Venizelou". Dennoch kaum ein Athener weiss mit dem letzteren Namen etwas anzufangen. Auch die Strasse parallel dazu, die "Akadimias Str." steht manchmal als "Tsortsil" (Churchil), die "Patission Str." als "28th October Str.", alle völlig unbekannte Benennungen! Das Unwesen der Umbenennungen ist durchaus üblich,
denn in einer der letzten Ausgaben vom Athener Strassen-Atlas (s. Bücher-Empfehlungen) gibt es ganze 4 Seiten davon! Es muss wohl an unserem griechischen,unruhigen Charakter liegen:-)
Etwas ebenfalls Charakteristisches fur Athen sind die zahlreichen
"Stoas" überall. Eigentlich sind sie tunnelartige Verbindungsgänge zwischen
verschiedenen Strassen und beherbergen Cafes, Einkaufsläden oder Büros. Eine
Stoa besitzt schon einen eigentümlichen Charakter, etwas Anheimelndes und
Geheimnisvolles. Bei manchen davon (wie im Foto) fragt man sich wirklich, ob man in der Realität
steht oder eher vor einem Bühnenbild für ein Stück von Pirandello! Ich bin mir allerdings nicht im Klaren darüber, ob sie aus
praktischen Gründen beim Bau der modernen Stadt entstanden, oder aber
Überbleibsel aus dem Altertum mit seiner Vorliebe fur Saulengänge sind.
"typischer Gehweg"
Es dürfte bekannt sein, daß eine ganze philosophische Schule, die Stoiker, ihren Namen gerade davon bekam, daß der Unterricht eben in solchen damals sehr beliebten Stoas stattfand!
Und auf etwas anderem muß ich Deine Aufmerksamkeit besonders lenken: den Zustand der Gehwege in Athen! Nicht etwa, daß sie schlecht sind, aber Du wirst immer wieder solche finden, die alle paar Meter unterschiedliches Niveau haben. Ein Loch mittendrin schon seit Ewigkeiten ist auch nichts Besonderes. Oder wiederum
Du wirst auf einmal Bäume oder Büsche mittendrin finden, die keinen Platz für einen Fußgänger übrig lassen! Schließlich wirst Du immer wieder solche finden, die komplett mit Autos oder Motorrädern zugeparkt sind oder durch Mülltonen unpassierbar gemacht. Da zeigt sich nun der Pioniergeist von Dir, über solche Kleinigkeiten hinwegzusehen :-) Man hat gehört, daß im allgemeinen Olympia-Fieber einige Athener Wege für Behinderte gerecht gemacht werden sollen. Selbst wenn das zutreffen sollte, ist es mir schleierhaft, wie die Behinderten dann aus diesen Strassen hinaus kommen sollten!
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