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Virtueller Rundgangin Athen
Teil 8


Umgang mit Agora und Co.



Akropolis-Luftaufnahme
"Luftaufnahme von Akropolis"
Auf unseren Rundgängen haben wir bis jetzt eine ganze Reihe antiker Stätten umgangen, was natürlich nicht bedeuten soll, dass sie weniger interessant und zweitrangig sind! Aber wie bei einem Aufsatz (auch bei sonstigen Anlässen) der Höhepunkt muss etwas hinausgeschoben werden :-) Allerdings gestaltet sich dieser Höhepunkt fur viele Touristen zu einem wahren "Interruptus", denn erstens begehen die meisten den Fehler, gänzlich unvorbereitet dort aufzutauchen, und davon wiederum der grössere Prozent-Satz hat mit Kunst nicht viel am Hut! Zugegeben unverschuldeterweise, denn unser "modernes" Erziehungswesen betrachtet ja die Kunsterziehung mehr oder weniger als Tertiär-Fach (wenn nicht noch schlimmer)! Es werden lieber Kunst-Stunden als Sport-Stunden reduziert etc. und das Elternhaus (da ja die Eltern meist nach dem gleichen Schema erzogen wurden) bietet kaum eine Alternative. Was soll man dann erzählen über sich neigenden Flucht-Linien bei den Säulen des Parthenon, über die Relief- Entwicklung bei den Grab-Denkmälern oder über Unterschiede der schwarz- und rotfigurigen Malerei auf Vasen!? Es bleibt Alles nur Stein und Scherben! Was das Hänschen nicht lernt, lernt der Hans nimmer mehr!

Dennoch verzweifle nicht, sofern Du zu diesen kunstfremden Mitmenschen gehörst! Es gibt immerhin noch die Schiene des Verstandes, die allmächtig ausgebildet wurde (wie bei den Werfern, deren rechter Arm doppelt so dick wie der linke ist). Und weil in den meisten Reise-Führern der Kunst-Aspekt hervor gehoben wird, will ich hier versuchen auch die Verstandes-Menschen auf ihre Kosten kommen lassen. Was kann also einen Verstandes-Menschen an solchen antiken Stätten interessieren? Ich denke z.B. die Art, wie die Menschen zu jener Zeit gelebt hatten, wie ihr tägliches Leben ablief, und was man aus den Ruinen und Denkmal-Resten darüber erfahren kann.

Gehen wir also der Reihe nach vor, beginnen wir mit der Alten Agora, deren einer Eingang direkt hinter Plaka und Monastiraki liegt. Geh mutig hinein und staune erst mal über die herumliegenden Steine! Doch halt! Bist Du bereits über 18 Jahre alt? In jener Zeit hättest Du sonst keinen Zutritt zur Agora (eigentlich mit 20 Jahren, denn es war auch ein 2-jähriger Militär-Dienst zu absolvieren, bevor man Vollbürger war). Agora war eigentlich kein Marktplatz sondern ein offizieller Begegnungs-Platz, während der Handels-Markt sich hinter der lang gestreckten Attalos-Stoa befand. Und warum offiziell? Nun, einer der wesentlichen Züge des damaligen Athener Staats-Wesens war die Verantwortung des einzelnen Bürgers fur die Polis, die Stadt, was bereits Solon (s. Zeit-Tafel) in seinen Kommentaren zur Gesetzgebung feststellte. Das öffentliche Leben verlangte, dass jeden Morgen einige Tausende von Geschworenen f&uauml;r die verschiedenen Gerichte eingeteilt wurden und zwar nach einem recht komplizierten Lotterie-Verfahren, das uns teilweise Aristoteles in seinem Der Staat der Athener beschreibt und dessen Zeugnis die Lotterie-Tafel im Museum in der Attalos-Stoa ist.

antike Agora
"Agora im Altertum"
Man darf immer wieder vor Augen halten: diese Agora war das Zentrum des öffentlichen Lebens, wo auch die gesamte Administrative und die Staatsgewalt befand. Wenn Du einen Blick in die Darstellung der Agora daneben wirfst, wirst Du gleich eine Reihe solcher Gebäude erkennen.

Der 12-Götter-Altar befindet sich heute grösstenteils innerhalb des Eisenbahn-Geländes (nur eine Ecke davon ist an der Agora-Mauer zu sehen) und war u.a. der Mess-Nullpunkt für die Entfernungen innerhalb von Attika. Ferner siehst Du die Königliche Stoa (eigentlich Sitz der Archon Basileus), das Bouleuterion (Rat der 500), den Tholos (Sitz der 50 Prytanen), das Strategeion (Sitz der Strategen) und auch das Gericht (eigentlich die Heliaia). Zum besseren Verständnis: die Athener waren geteilt in 10 Stämmen (Phylen), die wiederum administrativ in Demen (Gemeinden) unterteilt waren, und letztere wieder in Fratrien (Bluts-Verwandtschaften). Oberste Gewalt war die Volksversammlung, die ursprüngliich eben auf der Agora stattfand, später auf die Pnyx (der Akropolis gegenüber) und noch später der Gemütlichkeit wegen, in das Dionysos Theater (unterhalb der Akropolis) verlegt wurde. Die Tagesordnung musste 4 Tage vorher bekannt gegeben werden, damit auch die Vollbürger, die auf dem Lande wohnten teilnehmen konnten. Teilnahme- Berechtigt waren nur die Vollbürger (Männer) deren Anzahl im 4./5. Jh. um die 40 000 sein dürfte. Die Gesamt-Bevölkerung könnte demnach unter hinzu Zählung von Frauen, Kindern , Metöken (freie, jedoch nicht Athener Bürger) von ca. 160 000, und Sklaven von ca. 150 -200 000 insgesamt rund 400 000 betragen haben.Fur einen Beschluss der Volksversammlung waren 6000 Stimmen notwendig!

INTERMEZZO: Und weil der Mensch nunmal optisch etwas besser erfasst als durch viele ausführliche Beschreibungen, hier noch ein Überblick des politischen Systems von Athen während der klassischen Zeit:

politisches System
"Das politische System von Athen"

Die Stämme schickten jeweils 50 Bouleutai (Wahlmänner) zum Rat der 500 für ein Jahr. Und für jeweils den zehnten Teil eines Jahres waren die Bouleutai eines Stammes Prytanen d.h. die höchsten Administratoren, die im Tholos ihren Sitz hatten, und wo Tag und Nacht mindestens ein Drittel davon anwesend sein musste (daher auch die angeschlossenen Küchen-Gebäude zu deren Bewirtung). Diese Bediensteten des Staates bekamen als Entschädigung täglich rund 1 Drachme, was etwa dem halben Tage-Lohn eines guten Handwerkers entsprach. Während die Prytanen jedes Jahr per Los neu gewählt wurden, war fur die Wahl der 10 Strategen (Heeres-Führer) die Volksversammlung zuständig, und die Strategen durften beliebig oft wieder gewählt werden. Von den Zivil-Beamten schliesslich müssen die Archonten (Herrscher) an erster Stelle genannt werden. Es gab den Archon Eponymos, der dem Jahr seinen Namen gab, und der für Familien-Streitigkeiten, Erbfälle und auch bestimmte religiöse Feste zuständig war. Der Archon Basileus hatte die kultischen und richterlichen Funktionen früherer Könige (Basileis) übernommen. Der Archon Polemarchos (Kriegsführer) war ursprünglich der Ober-Kommandierende des Heeres, und nun hatte die Aufsicht über die Metüken- und Fremden-Prozesse und war auch fur die Organisation von Staats-Begräbnissen zuständig. Dann waren die 6 Thesmotheten (Gebräuche-Setzer), deren Aufgabe die Aufzeichnung des Rechts und die entsprechende Beratung der Gerichte war. Und damit die Zahl 10 (fur jeden Stamm) erreicht würde, zogman noch einen Sekretär hinzu (etwa wie Staats-Sekretäre heute).

Die Volksversammlung wurde mindestens 4 Male pro Monat abgehalten, und darüber hinaus gab es noch die Versammlungen der Phylen, der Demen und der Fratrien, ferner die Gerichts-Verhandlungen (die Heliaia hatte taglich 6000 neue Geschworene). Mit anderen Worten die Vollbürger hätten kaum ihren Geschäften nachgehen können, wenn es nicht die Metöken und die Sklaven gäbe! Allerdings muss man hinzu fügen, dass hanwerkliche und sonstige körperliche Betätigungen (ausser Sport)

Agora heute
"Die Agora heute"
bei den Athener nicht gut angesehen waren! Müssig-Gang aber auchnicht, womit wir ein Bild gewinnen, von diesen alten Athenern, die sich mit Philosophieren, Künsten, Körper-Ertüchtigung und Staats-Geschäften beschäftigten. Man darf aber auch die karrikierten Bilder dieser Gesellschaft nicht vergessen, wie sie Aristophanes gezeichnet hat: Bürger, die teilweise schleppend zur Volks-Versammlung schreiten und manchmal versuchen die mit Farbe getränkten Leit-Seile zu überspringen und sich davon zu machen, dabei ihre Kleider beschmutzen und sich somit als pflichtvergessene Bürger kenntlich und lächerlich machen!

INTERMEZZO: Wenn Du bis hier gelesen haben, bist Du wirklich ein aussergewöhnlicher Mensch! Weiter so!

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Meander

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